
Kamingespräche
15. April 2026
„Wir brauchen mehr Freude am Erfinden als am Verbieten“
SNIW-Kamingespräch 2026 dreht sich um schwaches Wachstum und fehlende Investitionen
Beim jüngsten Kamingespräch der Stiftung Niedersächsische Wirtschaftsforschung (SNIW) im Alten Rathaus in Hannover stand eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wie kann Deutschland unter veränderten globalen Rahmenbedingungen wieder zu mehr Wachstum und Investitionen finden?
Den Auftakt machte Dr. Volker Schmidt, Vorsitzender des Kuratoriums der SNIW. In seiner Begrüßung zeichnete er ein eindringliches Bild der wirtschaftlichen Lage und machte deutlich, dass die Herausforderungen längst struktureller Natur sind. Erstmals seien die Nettoanlageinvestitionen in Deutschland negativ – ein klares Warnsignal. „Wir desinvestieren: Der Kapitalstock veraltet, die Produktivität sinkt, die Wettbewerbsfähigkeit geht zurück“, sagte Schmidt.
Besonders alarmierend sei, dass diese Entwicklung kein kurzfristiger Ausreißer sei, sondern sich seit Jahren abzeichne: Bereits seit über einem Jahrzehnt seien die Nettoinvestitionen der Unternehmen überwiegend negativ. Gleichzeitig habe die Staatsquote inzwischen die Marke von 50 Prozent überschritten, während die Sozialabgaben auf über 40 Prozent gestiegen seien – Tendenz weiter steigend. Für Schmidt sind dies klare Indikatoren für eine schleichende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit. Kapital fließe dorthin, wo sich Investitionen lohnten – Deutschland verliere hier zunehmend an Attraktivität, auch im internationalen Steuerwettbewerb. Sein Appell: eine Rückbesinnung auf wirtschaftspolitische Leitgrößen, auf Kapitalbildung, Investitionsanreize und verlässliche Rahmenbedingungen.
Wirtschaftsdiskussionen im Alten Rathaus Hannover
Vor diesem Hintergrund ordnete Prof. Dr. Cornelia Woll, Präsidentin der Hertie School, die aktuellen Entwicklungen aus politökonomischer Perspektive ein. Deutschland habe über Jahrzehnte von einem exportorientierten Wachstumsmodell profitiert, das auf einer starken industriellen Basis beruhe. Dieses Modell stehe jedoch zunehmend unter Druck.
„Die große Stärke liegt in der hochwertigen industriellen Wettbewerbsfähigkeit – die Schwächen sind eine geringe Binnennachfrage und eine hohe Abhängigkeit von globalen Märkten“, so Woll. Gerade geopolitische Spannungen und globale Unsicherheiten erschwerten langfristige Planungen erheblich. Zugleich verwies sie auf eine strukturelle Investitionslücke, insbesondere im öffentlichen Bereich. Notwendig seien gezielte Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Fachkräfte ebenso wie Fortschritte bei Digitalisierung und Energiepolitik. Entscheidend sei ein handlungsfähiger Staat, der langfristige Ziele konsequent verfolge.
Wie sich diese Rahmenbedingungen konkret auf Unternehmen auswirken, schilderte Bonita Grupp, Geschäftsführerin des Textilherstellers Trigema. Ihr Beitrag machte deutlich, wie sehr globale Krisen und strukturelle Veränderungen den betrieblichen Alltag prägen: Das traditionsreiche Familienunternehmen setzt bewusst auf Produktion in Deutschland – ein Ansatz, der sich gerade in Krisenzeiten als Vorteil erwiesen habe. Während der Pandemie habe man innerhalb kürzester Zeit die Produktion umgestellt und so handlungsfähig bleiben können.
Gleichzeitig steht das Unternehmen vor erheblichen Herausforderungen: steigende Energiekosten, Fachkräftemangel und zunehmende bürokratische Anforderungen. Grupp betonte die Notwendigkeit, unabhängiger zu werden – etwa durch Investitionen in eigene Energieversorgung und neue Technologien. Chancen sieht sie insbesondere in Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sowie in nachhaltigen Produktionsverfahren. Ihr Fazit: Unternehmen müssten sich flexibel anpassen und gleichzeitig ihre Stärken bewahren.
Eine pointierte politische Einordnung lieferte schließlich Christian Lindner, Bundesfinanzminister a.D. und langjähriger FDP-Bundesvorsitzender. Aus seiner heutigen Perspektive als Unternehmer bestätigte er viele der bekannten Standortprobleme – und unterlegte sie mit aktuellen Zahlen und klaren Forderungen.
So verwies Lindner auf die jüngste Wachstumsprognose des Internationalen Währungsfonds: Für Deutschland werde lediglich ein Wachstum von 0,8 Prozent erwartet – gegenüber 1,1 Prozent in der Europäischen Union und über 2 Prozent in den USA. „0,8 Prozent Wachstum sind in Wahrheit Stagnation“, betonte er. Die Folgen seien nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich spürbar: Sinkende Wachstumsdynamik erschwere sozialen Aufstieg und verschärfe Verteilungskonflikte.
Mit Nachdruck kritisierte Lindner die aus seiner Sicht fehlende Reformbereitschaft in Deutschland und Europa. Trotz sich verändernder globaler Rahmenbedingungen verharrten Politik und Verwaltung zu oft in bestehenden Mustern. „Wir verändern unsere Paradigmen zu wenig – und verspielen damit ein Window of Opportunity“, so Lindner.
Besonders deutlich wurde er beim Vergleich internationaler Ansätze: Während in den USA massive private Investitionen in Zukunftstechnologien mobilisiert würden, wachse in Europa vor allem die Regulierung. „Wir wollen Technologien regulieren – andere wollen sie entwickeln“, fasste er zugespitzt zusammen. Sein Appell fiel entsprechend klar aus: Deutschland brauche wieder mehr wirtschaftliche Dynamik, attraktivere Investitionsbedingungen und eine konsequente Ausrichtung auf Innovation. Gleichzeitig betonte er, dass auch die Unternehmen selbst gefordert seien: Wirtschaftlicher Erfolg sei nicht allein eine Frage politischer Rahmenbedingungen, sondern auch unternehmerischer Initiative.
In der anschließenden Diskussion, geleitet von NDR-Moderator Andreas Kuhnt, wurde deutlich, wie eng wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, politische Rahmenbedingungen und unternehmerische Praxis miteinander verknüpft sind. Der Kaminabend bot damit nicht nur eine präzise Analyse der aktuellen Lage, sondern auch wichtige Impulse für die zukünftige Ausrichtung des Standorts Deutschland.
Mit ihrem Dialogformat setzt die SNIW bewusst auf fundierte Einordnung und offenen Austausch – ganz im Sinne ihres Anspruchs, wirtschaftspolitische Debatten sachlich zu vertiefen und Orientierung zu geben.















































